Ein Kabinettfoto oder Visitenkartenporträt restaurieren

Kabinettfotos und Visitenkartenporträts sind Albuminabzüge auf Karton: warum sie vergilben und reißen, was Sie nicht anfassen und was sich retten lässt.

Ein Atelierporträt aus dem 19. Jahrhundert liegt selten als loses Foto vor. Meist ist es ein dünner Abzug auf Eiweißpapier, aufgeklebt auf einen steifen Karton – als kleines Visitenkartenporträt (Carte de Visite) oder als größeres Kabinettfoto. Solche Objekte altern anders als jeder spätere Abzug: ein warmer Braunton, ein feines Netz von Rissen in den dunklen Partien, ein Karton, der sich wölbt. Vieles davon ist das Material, das sich so verhält, wie es gebaut wurde, und kein Verfall, den man beseitigen müsste.

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Zwei Kartongrößen, ein Verfahren

Das Visitenkartenporträt kam zuerst: klein genug zum Tauschen und Sammeln in Alben, in den 1860er-Jahren in Millionenstückzahlen hergestellt. Das größere Kabinettfoto war ab 1868 beliebt und blieb bis in die 1890er-Jahre verbreitet. Beide sind gleich gebaut: ein dünner Papierabzug, aufgeklebt auf einen Karton, auf dem meist Name und Ort des Ateliers gedruckt sind.

Die meisten dieser Abzüge sind Albuminabzüge. Dieses Papier war von etwa 1850 bis um 1895 in Gebrauch und prägte die kommerzielle Fotografie zwischen den 1860er- und den 1890er-Jahren. Erkennen lässt es sich an einer halbglänzenden bis glänzenden Oberfläche, an einem Bildton zwischen Purpurbraun und Schokoladenbraun und an feinen Papierfasern, die durch die Schicht sichtbar bleiben. Diese Farbe ist kein Alterungsfleck, sondern gehört zum Verfahren.

Visitenkartenporträt und Kabinettfoto im Vergleich

VisitenkartenporträtKabinettfoto
Karton (etwa)6,4 × 10,8 cm10,8 × 16 cm
Verbreitetvor allem in den 1860er-Jahrenab 1868 bis in die 1890er-Jahre
Abzugmeist Albuminpapiermeist Albuminpapier

Was echter Schaden ist – und was zum Abzug gehört

Echte Schäden gibt es natürlich. Das Eiweiß, das als Bindemittel dient, neigt zum Vergilben: Gelbe bis gelbbraune Verfärbungen zeigen sich zuerst in den hellen Bildpartien und im Rand, später im ganzen Abzug, und die hellen Partien verlieren als Erstes Kontrast und Zeichnung. In den dunklen Partien kann die Schicht ein feines Netz von Rissen bilden, besonders bei dünn aufgetragener Schicht oder ungeglätteten Abzügen – am deutlichsten im Streiflicht. Kleine rötlich-braune Punkte, die Stockflecken, treten auf Abzug und Karton auf und werden gewöhnlich auf Feuchtigkeit oder Verunreinigungen im Papier zurückgeführt.

Wie Verblassen und Vergilben bei Abzügen des 20. Jahrhunderts verlaufen, steht im Ratgeber zu verblassten Fotos. Beim Albuminabzug kommt etwas hinzu, das dort fehlt: Ein Teil der warmen Farbe soll da sein. Wer den Braunton als Fehler behandelt und zu neutralem Grau glättet, entfernt gerade das Merkmal, an dem man ein Foto des 19. Jahrhunderts erkennt.

Den Abzug nicht vom Karton lösen

Abzug und Karton sind verklebt, und ein Albuminabzug allein ist so dünn, dass er sich sehr eng einrollt, sobald er keinen Träger mehr hat. Einen Abzug abzulösen, an dem Ihnen etwas liegt, oder einen gewölbten Karton mit Dampf, Bügeleisen oder Gewichten glätten zu wollen, ist Aufgabe einer Papierrestauratorin oder eines Papierrestaurators. Im Haushalt bricht dabei eher die Schicht, als dass das Bild gewinnt. Für einen guten Scan ist beides nicht nötig.

Vor dem Scannen eines aufgezogenen Abzugs

  • Fassen Sie den Karton nur an den Kanten an – auf der Bildseite hinterlassen Fingerfette schneller Spuren
  • Lassen Sie den Abzug auf dem Karton, auch für einen besseren Scan oder einen anderen Rahmen
  • Verzichten Sie auf Wasser, feuchte Tücher und Reinigungsmittel – Karton und Eiweißschicht quellen unterschiedlich, und auch der Atelieraufdruck kann Schaden nehmen
  • Ist der Karton gewölbt, scannen oder fotografieren Sie ihn so, wie er ist – pressen Sie ihn nicht mit dem Scannerdeckel flach, Gewalt bricht die Schicht
  • Erfassen Sie den ganzen Karton, vorn und hinten, nicht nur das Bild: Auf der Rückseite hat sich oft ein Atelieraufdruck oder ein Name in Bleistift erhalten
  • Prüfen Sie, worauf das Bild sitzt: Eine starre, leicht spiegelnde Fläche ohne Papierrand oder ein Bild unter Glas ist kein Papierabzug auf Karton, sondern ein anderes Verfahren (etwa eine Ferrotypie) – die Hinweise auf dieser Seite gelten dafür nicht

Der Karton verrät mehr als das Bild

Name und Ort des Ateliers stehen meist nicht auf dem Foto, sondern auf dem Karton, vorn unter dem Bild oder auf der Rückseite, die bei Sammlern auch „Revers“ heißt. Das macht den Karton oft zum wichtigsten Datierungshinweis, den Sie haben. Auch Kartonstärke und Gestaltung des Aufdrucks änderten sich mit den Jahrzehnten; so lässt sich ein Foto oft grob einordnen, auf das Jahrzehnt, nicht auf das Jahr genau. Wie sich solche Hinweise gemeinsam lesen lassen, steht im Ratgeber zur Ahnenforschung.

Was Epoha repariert – und was Interpretation bleibt

Dieses Format lässt sich gut restaurieren, weil der Schaden meist auf einem Bild liegt, das darunter unversehrt ist. Stockflecken, Risse in der Eiweißschicht, abgestoßene oder eingerissene Ecken, Vergilbung der hellen Partien und echtes Verblassen lassen sich am Scan beheben: Die Restaurierung erkennt sie und baut die Stellen aus dem umliegenden Bild neu auf oder gleicht den Ton aus. Das Original bleibt dabei unberührt, gearbeitet wird an der Kopie.

Zwei Dinge sollten Sie vorher wissen. Erstens liefert Epoha aus einem Schwarz-Weiß- oder Sepiaabzug ein Farbbild zurück. Der Braunton des Albuminabzugs bleibt dabei nicht als Bildton erhalten, er wird durch erschlossene Hautfarben, Stoffe und Hintergründe ersetzt. Das ist Kolorierung im strengen Sinn: Die gängigen Verfahren des 19. Jahrhunderts haben keine Farbe aufgezeichnet, die Farbe ist eine plausible Rekonstruktion und keine Wiederherstellung (was Kolorierung wissen kann und was nicht, steht im Ratgeber zum Kolorieren von Schwarz-Weiß-Fotos). Zweitens enthält das Ergebnis nur die Fotografie, nicht das Objekt: Karton und Atelieraufdruck fallen weg. Beides spricht dafür, den unbearbeiteten Scan des ganzen Kartons aufzubewahren und das Ergebnis daneben zu legen.

Die Gesichtszüge sollen unverändert bleiben; wo der Abzug nicht mehr zeigt, was da war, soll das Gesicht schlichter bleiben, statt mit erfundenen Einzelheiten aufgefüllt zu werden. Ob das gelungen ist, vergleichen Sie vor der Zahlung mit dem Original. Das Ergebnis hat etwa 1400 Pixel an der langen Seite, Ihr Scan kann mehr enthalten – auch deshalb gehört er ins Archiv.

Fragen zu Kabinettfotos und Visitenkartenporträts

Wie lässt sich ein Kabinettfoto restaurieren, ohne das Original zu beschädigen?

Indem am Original nichts verändert wird: den Abzug nicht vom Karton lösen, nichts befeuchten, einen gewölbten Karton nicht flach zwingen. Die Reparatur geschieht an einem Scan oder einer sorgfältigen Aufnahme des Kartons, so wie er ist.

Darf ich ein Visitenkartenporträt vom Karton lösen, um es zu scannen?

Nein. Der Abzug ist aufgeklebt und das Papier zu dünn, um es gefahrlos zu handhaben – es reißt oder rollt sich ein. Scannen Sie den ganzen Karton als ein Objekt, vorn und hinten: Auf der Rückseite steht oft Name und Ort des Ateliers, was bei der Datierung hilft.

Mein Foto aus dem 19. Jahrhundert hat feine Risse in der Oberfläche. Lässt sich das beheben?

Am Scan in der Regel ja. Das Rissnetz liegt in der Eiweißschicht auf dem Bild, nicht in ihm; es wird wie jeder feine Oberflächenschaden aus den Bildinformationen zu beiden Seiten jedes Risses neu aufgebaut. Am Original selbst lässt es sich nicht beheben.

Woran erkenne ich einen Albuminabzug?

Typisch sind eine halbglänzende bis glänzende Oberfläche, ein Ton zwischen Purpur- und Schokoladenbraun, sichtbare Papierfasern und ein dünnes Papier auf Karton, oft mit Gelbstich in hellen Partien und Rand. Sicher entscheidet das eine Fachperson; für das Scannen müssen Sie es nicht wissen.

Soll der braune Ton in Schwarz-Weiß umgewandelt werden?

Als Reparatur nicht: Der Ton gehört zum Verfahren, ein neutrales Grau wäre eine Veränderung, keine Korrektur. Beachten Sie aber, dass Epoha ein Farbbild liefert, also kolorierte Rekonstruktion statt Braunton. Brauchen Sie den Originalton als Dokument, bewahren Sie den unbearbeiteten Scan auf.

Das Atelierporträt wiederherstellen

Laden Sie einen Scan des Abzugs hoch – das Bild genügt, die Rückseite bewahren Sie als eigene Datei auf. Das Ergebnis sehen Sie nach etwa einer Minute.

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Quellen